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Wie alles anfing

Sie war eine Frau, wie man sich eine Frau wünscht: Warm, liebevoll, verständnisvoll, lustig, zuverlässig, treu, fürsorglich, ein guter Freund und Kumpel, und dazu auch noch gut aussehend. Wir waren eine glückliche Familie. Zuerst kam unser Sohn, kurz darauf unser erster Hund, ein Labrador-Mix, klein, schwarz, mit weißer Brust und geknickten Ohren. Meine Frau war keine Hunde gewohnt, und als ich dieses Bündel anbrachte und es ihr in den Arm legte, da ekelte sie sich zuerst, doch bald waren die beiden unzertrennlich. Als wir schließlich nach 12 Jahren unsere Susi einschläfern mussten, verloren wir ein Familienmitglied. Meine Frau kam auch nie ganz über diesen Verlust hinweg. Regelmäßig sprach sie von "ihrer Susi", und obwohl wir inzwischen schon den vierten Hund hatten, war und blieb die Susi ihr Lieblingshund.

Wir hatten eine gute Ehe. Wir hatten gute Jahre, und dazwischen auch weniger gute. Aber egal auch, wie schwer die Zeiten waren, wir hielten immer fest zusammen, mochten uns und konnten uns immer voll aufeinander verlassen. Eines Tages aber entdeckte meine Frau einen Knoten in der Brust, und obwohl wir es damals noch nicht wussten, war das der Anfang vom Ende unserer so glücklichen Zeit. Nach ihrer Operation sah alles zuerst recht gut aus, obwohl der Knoten schon relativ groß war. Die nächsten Jahre spürte sie nichts, dann kamen Knochenbrüche, aus heiterem Himmel, und dann wurde festgestellt, dass sich ihr Krebs ausgebreitet hatte. Es ist sicher nicht nötig, ihre Krankengeschichte im Detail zu erzählen, aber je schlechter es ihr ging, umso mehr kämpfte ich um sie, und umso näher waren wir uns. Es ist eigenartig, aber ich liebte diese Frau mehr als alles andere auf der Welt, obwohl sie nach sieben Jahren Krebsbehandlung zum Pflegefall geworden war, kaum noch gehen konnte und fast nur noch vor sich hin döste. Unsere Unterhaltungen wurden immer spärlicher, sie war zu blutarm, zu müde und wahrscheinlich auch zu betäubt durch ihre Schmerzmittel. Wenn sie in den Spiegel sah, so erschrak sie jedesmal: Diese einst so gutaussehende Frau sah inzwischen wie eine Mumie aus, wie eine Achtzigjährige, und einige Monate später konnte man in ihrem Gesicht den bereits nahenden Tod sehen.

Wir hatten - wie gesagt - zunehmend weniger Gespräche. Sie hatte Angst, Angst vor dem Sterben. Sie wusste, dass ihr Ende nahe war, trotzdem vermied sie es, darüber zu sprechen. Sie wollte das Thema verdrängen, weil es ihr Angst machte, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor dem Ende. Nur einmal saßen wir zusammen und sie fragte mich, ob wir uns wohl wiedersehen würden, und ob wohl auch die Susi im Himmel wäre, und ich konnte ihr keine Antwort geben. Natürlich waren wir beide christlich erzogen worden, haben von Himmel und Hölle gelernt, von kleinen Sünden und Todsünden, vom Fegefeuer, Sündenerlass und der Auferstehung, vom Jüngsten Gericht und der ewigen Verdammnis, aber als sie mich fragte, da wusste ich es nicht, denn wir hatten schon lange an dem gezweifelt, was uns der Herr Pfarrer erzählt hatte. Später machte ich mir große Vorwürfe, dass ich ihr dieses einzige Mal, als sie das Thema überhaupt zugelassen hatte, nicht ein paar hoffnungsvolle Worte gesagt habe, egal, ob ich daran glaubte oder nicht, sie wollte in ihrer Angst sicher irgendetwas hören, etwas, an dem sie sich aufrichten konnte. Sie suchte nach etwas, an dem sie sich festklammern konnte, wollte etwas glauben, ob vernünftig oder nicht, und ich hatte es versäumt...

Ihr Ende kam für mich überraschend, aber vielleicht wollte ich es auch nur nicht wahrnehmen. Sie fiel in ein Koma, und ich dachte, sie hätte vielleicht zuviel Morphium eingenommen. Doch als sie nach einigen Stunden noch immer nicht ansprechbar war, brachte ich sie ins Krankenhaus. Die Ärztin sah sofort, dass meine Frau im Sterben war, trotzdem fragte sie uns, was wir haben wollten, was sie tun sollte, sie behandeln, oder sie schmerzfrei zu halten. Ich sagte: "Beides!". Meine Frau war doch noch nicht bereit zu sterben, und die Ärztin sah mich unsicher an. Als jedoch meine Schwägerin, die gekommen war, weil meine Frau ihre Schwester noch einmal sehen wollte, auch für "behandeln" war, kam Leben in die Abteilung.

Die Blutwerte ergaben einen sehr niedrigen Blutzuckerwert, und als meine Frau eine Ladung Traubenzucker intravenös gespritzt bekam, machte sie die Augen auf und fing an, ganz hastig zu reden, aber klarer als die Wochen zuvor, so als ob sie gewusst hätte, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte. Und plötzlich sagte sie: "Falls mir etwas passieren sollte, so wollte ich euch noch schnell sagen, dass ich euch alle sehr lieb habe!".

Sie wurde dann auf ihr Zimmer gebracht, hatte sogar Appetit, doch ihr Magen nahm nichts mehr auf, und nach einiger Zeit wurde sie zunehmend müder. Es war ja auch schon sieben Uhr morgens, und auch ich war ziemlich erschöpft, und so fuhren wir nach Hause. Nach einigen Stunden Schlaf ging es am Nachmittag wieder ins Krankenhaus. Sie war nicht mehr so wach und munter wie noch am selben Morgen, und ihr Blutzuckerspiegel war schon wieder sehr niedrig. Ich fühlte mich sehr müde, und als ihre Schwester pausenlos auf sie einredete, da dachte ich, dass wir besser nach Hause fahren sollten. Ich war überreizt, so wie man überreizt ist, wenn man längere Zeit nicht ausreichend geschlafen hat, und es war inzwischen schon wieder Abend geworden. Und irgendwie war ich auch der festen Meinung, dass man ihren Blutzuckerspiegel unter Kontrolle bringen würde, und dass sie nach zwei bis drei Tagen wieder entlassen würde, wie das ja schon mehrfach vorher der Fall gewesen war.

Kaum zu Hause, rief die Krankenschwester an, doch ich war im Bad und hörte es nicht. Danach rief sie wieder an und sagte, dass meine Frau nach mir verlangt hätte, und dass sie sehr unruhig wäre. Ich sagte, wir wären doch bis eben im Krankenhaus gewesen, dass sie ihr doch ein Beruhigungsmittel geben soll, denn das bekam sie ja auch oft während der Dialyse, wenn ich weg fuhr, um Besorgungen zu machen. Sie war inzwischen so hilflos und abhängig geworden, dass sie immer in Panik geriet, wenn ich sie kurz alleine lassen musste. Auch war ich einfach kaputt. Die Versorgung eines Pflegefalls ist nicht leicht, und wenn dann noch Schlafentzug dazu kommt, dann muss man auch im Interesse des Kranken gelegentlich an sich selbst denken, denn sobald der Patient nach Hause kommt, will man ja wieder für ihn fit sein.

Ich war schon im Schlafanzug und stopfte gerade ein paar belegte Brote in mich rein, als das Telefon wieder klingelte. Die Schwester meinte, sie würde an meiner Stelle sofort kommen und wollte mir das nur gesagt haben, damit ich ihr später keine Vorwürfe machen könnte. Auch das hatte ich in den letzten Jahren schon mehrfach gehört. Ich war schon zu so vielen Alarmen ins Krankenhaus gefahren, und immer war es ein blinder Alarm. Und ich war müde und hungrig, und ich war schon im Schlafanzug und hatte keine Lust, schon wieder ins Krankenhaus zu fahren, wieder eine halbe Nacht dort zu verbringen, ich konnte einfach nicht mehr! Trotzdem sagte ich, dass ich käme, dass es aber noch etwas dauern würde, bis ich fertig und wieder angezogen wäre. So aß ich weiter und kam mir dabei mit der Schwägerin in die Haare. Sie hatte ja keine Ahnung, aber ich kannte den Körper meiner Frau durch die vielen Behandlungen und Gespräche mit Fachärzten inzwischen besser als meinen eigenen, und meine Frau war sehr hart im Nehmen, meinte ich... Schließlich läutete das Telefon wieder, und ich erfuhr, dass meine Frau keinen Puls mehr hatte...

Ich habe das so ausführlich beschrieben, damit man verstehen kann, woher meine Schuldgefühle stammten, die mich hinterher krank machten, so krank, dass ich vom Arzt ein Antidepressivum bekam. Ich fuhr also ins Krankenhaus und verbrachte die nächsten Stunden alleine mit meiner Frau. Ich sprach mit ihr, versuchte mich zu entschuldigen, weil ich nicht gleich gekommen war, und wurde zunehmend verzweifelter. Ich hoffte, dass sie die Augen wieder öffnen würde, flehte Gott an und redete auf sie ein, doch sie rührte sich nicht. Sie war noch warm, als ich ihre Wangen streichelte, und ihre Hände ließen alles mit sich geschehen, als ich ihr den Ring vom Finger nahm und sie ihr faltete. Ihr Mund war weit geöffnet, so als hätte sie nach Luft gerungen, und ich versuchte ihn zu schließen, doch er ging immer wieder auf. So saß ich neben ihr, redete auf sie ein, weinte, betete und sagte ihr, wie schön doch die Jahre mit ihr für mich gewesen waren, und dass sie mich doch jetzt nicht einfach verlassen könnte.

Es war ein schweres Abschiednehmen. Ich wusste, dass ich sie nur noch für kurze Zeit sehen würde, zum letzten Mal in meinem Leben, denn wir hatten vereinbart, dass sie eingeäschert würde. Und so sah ich sie ständig an, wollte noch jede Minute ausnutzen, bevor ich sie "hergeben" musste. Sie wirkte viel entspannter als die ganzen Monate zuvor, als ihr Gesicht immer ein Spiegel ihrer Schmerzen gewesen war. Und langsam fing ich an, mich von diesem Körper zu trennen, ihn zu hassen, denn ich sah in ihm den Krebs, der mir meine Frau genommen hatte. Ich war inzwischen über vier Stunden bei ihr, und ich war innerlich zerrissen. Ich liebte und hasste sie zugleich, ich merkte, dass ich irrational wurde, dass ich immer noch Hoffnung hatte, sie könnte vielleicht doch noch aufwachen, und obwohl mir die Vernunft sagte, dass sie tot war, konnte ich es einfach nicht akzeptieren. Dann wurde sie abgeholt.

Die nächsten Tage waren die Hölle, und als ich dann wieder ganz alleine zuhause war, da traf es mich voll. Das Haus war überfüllt mit Erinnerungen. Wohin man auch schaute, ihre Tabletten, ihre Kleider, ihre Tasse, ihr Bett, ihre Handtücher, tausend Kleinigkeiten, die mich sekündlich an sie erinnerten. Es war unmöglich, diesen Erinnerungen auszuweichen. Zwei Tage darauf bekam ich ihre Asche. Im Gegensatz zu Deutschland kann man hier über die Asche frei verfügen. Ich stellte die Urne im Wohnzimmer auf, stellte ihr Bild daneben, eine Kerze dazu, und am Abend saß ich auf der Couch, zündete die Kerze an, schaute mir Fotoalben an und sprach zu ihr...

Ich versuchte mich zu fangen, doch die Vorwürfe wurden schlimmer. Sie fingen an, mich zu verzehren. "Warum bin ich auch nicht gleich ins Krankenhaus gefahren? Gut, es gab schon zig blinde Alarme, aber ich war immer sofort dort, warum nicht dieses Mal?". Und ich sah sie vor mir, wie sie nach mir verlangte, wie sie ohne mich Angst hatte. Sie war ja so hilflos, und sie hatte absolutes Vertrauen in mich. Sie wusste, dass ich immer für sie da war, warum nicht auch dieses Mal? Und sie spürte sicher den Tod und wollte nicht ohne mich sterben. Und vielleicht wollte sie mir noch etwas sagen, noch ein letztes "ich hab dich lieb", oder einfach nur meine Hand halten, die sie immer beschützte? Und ich stand auf, nahm die Urne in die Arme, verlor die Fassung und rief verzweifelt, sie soll doch einfach durch die Tür reinkommen wie nach einem bösen Traum, und wir vergessen alles und denken nicht mehr daran...

Ich konnte weder schlafen noch essen, nahm ab, fühlte mich elend und krank, und ich überlegte sogar kurz, ob ich mich nicht umbringen sollte, um bei ihr zu sein. Doch ich hatte ihr ja versprochen, dass ich auf unseren Sohn aufpassen würde, der zwar schon erwachsen war, der aber sicher seinen Vater noch brauchte. Und außerdem wollte ich ihm so etwas nicht antun. Und was, wenn ich dann doch nicht zu ihr käme, wenn es kein Jenseits gäbe, keinen Himmel, kein Paradies, wenn einfach alles aus wäre, einfach aus und vorbei? Und ich fing an zu verzweifeln...

Einige Tage darauf ging ich zum Arzt. Ich konnte nicht mehr existieren. Alle, mit denen ich sprach, versuchten mich zu trösten und mir gut zuzureden, doch es half nichts. Das Antidepressivum wirkte dann gut und schnell. Ich holte mir Informationen über das Mittel aus dem Internet. Jetzt verstehe ich auch besser, warum ich so krank wurde, und warum man nicht mit einem einfachen "Sich Zusammenreißen" gegen Depressionen ankommt, und dass es sich dabei um eine chemische Störung handelt. Ein Körper, der zu wenig Serotonin produziert, kann nicht gut funktionieren, egal, wie sehr man sich auch bemüht.

Als ich wieder halbwegs klar denken konnte, da überlegte ich, was wohl die genaue Ursache für meinen Zustand wäre, warum ich so angeschlagen war, was Trauer eigentlich genau ist, und was der Unterschied zu damals war, als meine Frau vor einigen Jahren für sechs Monate in Deutschland war. Damals hatte ich sie ja auch vermisst, aber ich wurde nicht krank, hatte nicht gelitten, hatte keine Probleme, obwohl ich mich auch von Dosen ernähren musste, mir auch die Wäsche selbst waschen und das Haus alleine sauberhalten musste. Die Antwort war einfach: Damals wusste ich ja, wo sie war, und dass ich sie wiedersehen würde. Und wir hatten Kontakt, wir schrieben und telefonierten. Jetzt aber wusste ich nicht, wo sie war, ob sie überhaupt noch existierte, oder ob das in der Urne alles war, was von ihr übrig geblieben ist, neben der Erinnerung. Und ich konnte sie nicht anrufen, obwohl ich so verzweifelt war und mich für mein Zuspätkommen entschuldigen wollte, wissen wollte, ob sie jetzt enttäuscht ist, ob sie mich noch lieb hat, und ob wir überhaupt noch eine Beziehung haben, selbst wenn es ein Jenseits gäbe, denn es heißt ja "bis der Tod euch scheidet". Waren wir jetzt also "geschieden"? War jetzt alles vorbei wie nach einem schönen Urlaub?

Fragen über Fragen und keine Antworten, keine Heilung, kein Darüber-Hinwegkommen. Sollte das so weitergehen? Eine Bekannte meinte, dass es zwei Jahre lang dauern soll, bis man einigermaßen darüber hinweg sein würde, dass es aber immer wieder zu Rückschlägen kommen könnte, dass man eigentlich nie so richtig darüber hinweg käme, und dass sich besonders Männer oft nie mehr richtig erholen. War das also meine Zukunft? Ein Leiden bis zum Ende? Vielleicht ein vorzeitiges Ende in Gram? Ich merkte, wie die Nachbarn einen Bogen um mich machten, und musste dabei an die indischen Witwen denken, die früher mit ihren Männern verbrannt wurden, weil sie zu Lebzeiten schon "tot" waren, abgesondert, abgeschrieben, isoliert, unversorgt, tabu, und an die "zehn kleinen Negerlein", .... "dann gab es nur noch eins"..., so ähnlich fühlte auch ich mich in diesem Moment...

Ich hoffe, dass man aus dieser Beschreibung sehen kann, wie wichtig es ist, einem Trauernden wirkungsvolle Hilfe zukommen zu lassen. Trauerhilfe, Trauerberatung, egal, wie man es auch nennen mag, es gibt sie noch zu wenig. Und selbst wenn ein Pastor oder Pfarrer salbungsvolle Worte von sich gibt, ist das oft keine wirksame, keine effektive Hilfe. Sicher kann man an Gott glauben, an das ewige Leben, an die Auferstehung, oder auch nicht, aber all das war mir nicht genug, all das half mir nicht weiter. Ich wollte nichts GLAUBEN müssen, ich wollte WISSEN, ob es ein Weiterleben nach dem Tod gibt, mit Beweisen, und falls ja, wo meine Frau jetzt ist, ob sie von mir enttäuscht ist, ob sie mich noch liebt, und ob wir noch Mann und Frau sind! Und was wäre, wenn ich eine neue Beziehung einginge? Würde ich dann meine Frau je wiedersehen? Oder müsste ich alleine bleiben, um sie nicht für immer zu verlieren? Und da ich diese Antworten nicht hatte und mich nicht mit tröstenden Worten zufrieden geben konnte, beschloss ich, mir diese Antworten zu holen. Mein Leiden wurde somit zum Ansporn für meine weiteren Forschungen.


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